03/2014: Laibach

Gut zehn Jahre nach dem Erscheinen des Albums »WAT« haben Laibach mit »Spectre« ein neues Album veröffentlicht und sind zu einer Welttournee aufgebrochen. Grund genug, dass Phänomen Laibach näher zu betrachten und zu würdigen.

Laibach ist der musikalische Zweig des Kollektivs Neue Slowenische Kunst (NSK), das alle Sparten der Bildenden und Darstellenden Künste bedient. Obwohl Laibach von Beginn an im Umfeld der NSK agierten und sich als Teil des Kollektivs verstanden, wurden Laibach lange Zeit nur von der Industrial- und Gothic-Szene wahrgenommen. Dieser Eindruck wurde auch bei den beiden Konzerten der Tour zum Album »WAT«, die ich 2004 in Krefeld und Bochum gesehen habe, bestätigt. Damals war das Publikum noch stark durchmischt: Schwarz gekleidete Gothics, Militärlook, Laivach-typische Menschen im Jäger- und Lodendress sowie normal gekleidete Konzertbesucher.

Spätestens seit dem Auftritt im Londoner Tate, 2012, hat sich die Bühnenpräsenz und das Publikum von Laibach gewandelt. Ich hatte das Glück, das Konzert der Spectre-Tour in der Manufaktur in Schorndorf bei Stuttgart zu sehen. Erstaunlich war, dass der Großteil des Publikums zur Ü40-Fraktion gehörte und eher unauffällig gekleidet erschien.

Das erste, was auffiel, war die Tatsache, dass sich das Live-Setup von Laibach gewandelt hat. Schlagzeug, dreimal Keyboards und der charismatische Sänger. Hinzu kamen die Videoprojektionen während des gesamten Konzerts. Während der Sänger bei der »WAT«-Tour noch wie ein Frontmann auftrat, ist er nun Teil des Ganzen geworden, in dem er nicht mehr so stark im Vordergrund steht und auch Teile des Gesangs an die Keyboarderin, deren Rolle bei der »WAT«-Tour noch auf Backgroundgesang beschränkt war, abgegeben hat.

Dass Laibach sich auf der Bühne zu einem konzeptionellen Gesamtkunstwerk entwickelt haben, war den ganzen Abend zu spüren. Zunächst spielten Laibach komplett das neue Album »Spectre«.Beim letzten Song – »Resistance is Futile« – verließen am Ende des Stücks die Musiker der Reihe nach die Bühne und gingen in die zehnminütige Pause.

Das zweite Set war eine Mischung älterer Stücke, die teilweise neu arrangiert waren. Besonders positiv fiel hier die Neubearbeitung von »Brat Moj« auf – das verlinkte Video ist während des Konzerts im Londoner Tate 2012 aufgenommen. Die Visuals des zweiten Sets bezogen die künstlerischen Arbeiten des NSK stark mit ein. Die einzelnen Film-Sequenz stellten – typisch für Laibach – Faschismus, Kommunismus und Kapitalismus nebeneinander; die Bildsprache adaptierte häufig die Ästhetik der Propagandafilme von Leni Riefenstahl. Die Zugabe endete mit »Das Spiel ist aus«, wobei jedem im Saal klar war, dass es definitiv das letzte Stück des Abends ist. Danach liefen Musik und Video »The Whistleblower« als Endlosschleife – ein Stück, bei dem man den Eindruck hatte, dass die Musik bei Laibach umso fröhlicher ist, je ernster der Inhalte sind.

Das Fazit des Abends war, dass Laibach stärker denn je zu einem Gesamtkunstwerk auf der Bühne geworden sind. Nicht nur dieser Anspruch, sondern auch die Art und Weise der Umsetzung rückt Laibach in die Nähe von Kraftwerk: Die Einheit auf der Bühne, die Depersonalisierung der Gruppe (die Musiker werden nicht wie bei gängigen Rock- oder Pop-Bands vorgestellt) sowie die Verbindung von Musik und Projektion. Während all dies und der Retrofuturismus durch die visuellen Anspielungen auf Leni Riefenstahl und Fritz Lang (»B-Mashina«) durchaus eigenständig wirkten und auch der letzte Song »Das Spiel ist aus« funktional Assoziationen zu »Music Non Stop« bei Kraftwerk-Auftritten weckte, war der Kraftwerk-mäßige Abgang am Ende des ersten Sets für meinen Geschmack ein bisschen zu viel Parallelität zu Kraftwerk – ohne das Gesamterlebnis zu schmäern.

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