Natzweiler-Struthof

Bei diesem Objekt von einer Fototour zu sprechen, verbietet sich eigentlich. Und ich habe lange überlegt, ob ich die Bilder veröffentlichen soll oder nicht. Dass ich mich dafür entschieden habe, liegt zum einen daran, dass man vor gewissen Kapiteln der Geschichte die Augen nicht verschließen darf, und zum anderen an der Geschichte des Ortes selbst. Die Rede ist vom Konzentrationslager Natzweiler-Struthof im französischen Elsass.

Natzweiler-Struthof war mit 52.000 Gefangenen zwischen April 1941 und April 1945 ein vergleichweises kleines Konzentrationslager. Mit einer Todesrate von 40% steht das Lager jedoch in einer Linie mit Strutthof (66,5%), Auschwitz (57%), Mauthausen (52,5%), Neuengamme (50%) und Sachsenhausen (42%). Allein zwischen Oktober 1944 und April 1945 wurden in Natzweiler-Struthof 14.000 Menschen ermordet oder starben an den Folgen der unmenschlichen Lebensbedingungen.

Angesichts der hohen Todesrate und dem eher niedrigen Bekanntheitsgrad des Konzentrationlagers Natzweiler-Struthof habe ich mich entschieden, diesen Artikel überhaupt zu veröffentlichen. Auf die vollständige Geschichte des vorrangig als Arbeitslager geplanten Konzentrationslagers verzichte ich an dieser Stelle – diese ist z.B. bei Wikipedia detailliert erfasst – und beschränke mich eher auf die persönliche Wahrnehmung während des Besuchs.

Der Rundgang begann mit dem Besuch im 2005 eröffneten Centre Européen du Résistant Déporté, das die Geschichte des Faschismus in Europa und die Widerstandsbewegungen dagegen eindrücklich dokumentiert. Ein kurzweiliger und bewegender Film über die Geschichte des Lagers Natzweiler-Struthof gegen Ende der Ausstellung bereitet auf den Besuch des Konzentrationslagers vor.

In einer ehemaligen Baracke befindet sich ein Museum mit Exponaten aus der Lagerzeit und zahlreichen dokumentarischen Beiträgen zur Geschichte des Konzentrationslagers. Bereits im Eingangsbereich offenbarte sich die grausame Parallelwelt eines Konzentrationslagers: Fotos und Texte informierten darüber, dass der Ort Natzweiler bis zur Errichtung des Konzentrationslagers ein attraktiver Reiseort war, der sich durch gute Luft und hervorragende Wintersportmöglichkeiten auszeichnete. Dass an diesem Ort überhaupt ein Konzentrationslager gebaut wurde, lag daran, dass 1940 in der Gegend seltener roter Granit entdeckt wurde, den Hitlers Architekt Albert Speer für die geplante Welthauptstadt Germania und das Deutsche Stadion in Nürnberg als Baumaterial verwenden wollte.

Die ausgestellten Original-Dokumente zeigen, wie systematisch und unmenschlich das politische System des Dritten Reiches war. Gefangenenzahlen und Todesfälle werden aufgelistet wie eine Unternehmensbilanz – mit der Sachlichkeit eines Telefonbuchs. Die ausgestellten Zeitpläne belegen, dass die Insassen des Lagers nach einer Tasse Kaffeeersatz fünf Stunden arbeiten mussten. Danach gab es eine Suppe, dann folgten fünf weitere Stunden harte Arbeit, bevor es eine weitere Suppe gab. Wie es um den Nährwert dieser Suppe gestanden hat, möchte ich mir lieber nicht ausmalen. Unter diesen Umständen ist es fast verwunderlich, dass die Todesrate „nur“ 40% betrug.

Die schlimmste Erfahrung offenbarte sich jedoch gegen Ende der Ausstellung. Natzweiler-Struthof war nicht nur ein Arbeitslager, sondern es wurden dort auch von August Hirt, Eugen Haagen und Otto Bickenbach medizinische Experimente durchgeführt. Keiner von ihnen wurde für ihre fragwürdigen und unmenschlichen Experimente nachhaltig bestraft. Hirt beging nach Kriegsende Selbstmord. Haagen und Bickenbach verbüßten kurze Strafen (Zwangsarbeit in Frankreich). Haagen nahm im Nachkriegsdeutschland sogar an staatlich geförderten Forschungsprojekten teil und erlangte wissenschaftliche Anerkennung durch Publikationen zur Virusforschung.

Vor allem die (fast) ungesühnten Verbrechen durch die Experimente an Menschen und die Rehabilitierung der Verursacher zeigt wie es um die Aufarbeitung und Bewältigung der Geschichte des Dritten Reiches in der Nachkriegsära bestellt war.

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